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Projekt des Monats November/Dezember: Der Verein LützelAktiv schafft neue Gemeinschaften gegen Einsamkeit

Im Koblenzer Stadtteil Lützel wohnen knapp 8500 Menschen. Gerade für den zunehmenden älteren Bevölkerungsanteil gibt es immer weniger Treffpunkte. Das hat einige Engagierte auf den Plan gebracht.

Der 70-jährige Werner Weber ist ein „Zugezogener“ in Lützel. Der pensionierte Studiendirektor für Physik, Maschinenbau und Informatik, den es nach seinem Referendariat in Koblenz erst nach seinem Berufsende wieder aus NRW in die Stadt gezogen hat, hat ein Faible für Geschichte, aber auch ehrenamtliches Engagement. Aus dem ursprünglich mitgegründeten Geschichtsverein ist mittlerweile LützelAktiv erwachsen, ein Verein für organisierte Nachbarschaftshilfe. Auch diesen hat er mitinitiiert und ist seit der Vereinsgründung Vorsitzender, der sich um Koordination, Öffentlichkeitsarbeit, aber auch Projektentwicklung kümmert. An Ideen und Tatkraft mangeln es ihm und seinen Mitstreitenden nicht und sie haben schon einiges in Lützel in Bewegung gebracht. „Alte Menschen bleiben mir zu viel in ihren Wohnungen, sie sollen sie verlassen, sich mit anderen treffen und neue Freundschaften schließen“. Dies ist nur einer der Beweggründe von Weber und den Vereinsmitgliedern. Was sie motiviert, was in Lützel bereits auf die Beine gestellt wurde und wie die Vorstellungen für die zukünftige Arbeit des Vereins aussehen, lesen Sie in unserem Interview. 

Werner Weber

Werner Weber (Foto: privat)

Herr Weber, auf der Startseite der Webseite Ihres Vereins LützelAktiv steht groß „Lützel braucht uns alle.“ Warum benötigt der Koblenzer Stadtteil Lützel eine organisierte Nachbarschaftshilfe und warum sprechen Sie alle an?

„Orte, an denen man einfach mal ‚schwätzen‘ konnte, sind verschwunden“ 

Weber: In Lützel leben über 2600 Menschen allein. Das ist nahezu jeder Dritte. Und es werden immer mehr – vor allem ältere Menschen. Wir wissen heute: Jede fünfte Person über 60 fühlt sich einsam. Das ist kein abstraktes Problem, das ist die Realität unserer Nachbarn. Lützel ist ein dicht bebauter Stadtteil. Weniger als zehn Prozent der Wohnungen liegen in Ein- oder Zweifamilienhäusern. Man lebt hier Wand an Wand, und doch oft aneinander vorbei. Das war in Lützel früher anders. In den 1970er-Jahren gab es hier 27 Gaststätten, dazu viele kleine Geschäfte. Da hat man sich getroffen, da wurde geredet. Heute? Heute haben wir Discounter für den schnellen Einkauf, eine verbliebene Raucherkneipe und kaum noch Vereine. Die Orte, an denen man einfach mal ‚schwätzen‘ konnte, sind verschwunden. 

Unser Herzensanliegen ist klar: Wir wollen Einsamkeit verhindern, denn Einsamkeit macht krank. Um diese Isolation aufzubrechen, brauchen wir zwei Dinge: offene, niederschwellige Begegnungsstätten hier im Quartier und Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Je mehr Menschen mitmachen, desto mehr Nachbarn erreichen wir tatsächlich. Um genau das zu organisieren und unsere Kräfte zu bündeln, haben wir den Verein LützelAktiv e.V. gegründet.

Vom Geschichtsverein zum Nachbarschaftsverein: „Die Menschen suchten Gemeinschaft, sie flohen vor der Einsamkeit“

LüztelAktiv kann in diesem Jahr das fünfjährige Bestehen feiern. Wie ist es zur Gründung des Vereins gekommen und wie sieht die Vereinsstruktur heute aus?

Weber: Ursprünglich starteten wir als reiner Geschichtsverein, fasziniert von unserem Stadtteil am Moselufer, der über die Brücke eng mit der Altstadt verbunden ist und für Koblenz schon immer eine Schlüsselrolle spielte. Doch bei unseren Veranstaltungen machten wir eine entscheidende Entdeckung: Viele Ältere kamen nicht nur wegen der Historie. Sie suchten Gemeinschaft. Sie flohen vor der Einsamkeit. 

Diese Beobachtung hat uns verändert. Vor gut zwei Jahren riefen wir deshalb den ‚LützelTreff 60plus‘ ins Leben – immer montags von 11.00 Uhr bis 13.00 Uhr. Anfangs waren wir nur eine Handvoll Leute. Doch wir ließen nicht locker: Wir verteilten Flyer, gingen an die Presse und setzten auf absolute Verlässlichkeit. Selbst am Ostermontag war unsere Tür offen. Das hat sich herumgesprochen. Heute sind wir eine feste Gemeinschaft von über 30 aktiven Menschen, die teils regelmäßig, teils spontan an unserem Montagstreffen teilnehmen – und es kommen immer neue Gesichter dazu.

Und das Wunderbare war: Mit jedem neuen Gesicht wuchsen auch unsere Möglichkeiten. Plötzlich waren da Menschen mit neuen Talenten und Ideen. So konnten wir unser Programm immer weiter ausbauen – und genau diese Vielfalt wirkte wie ein Magnet, der wiederum noch mehr Menschen zu uns führte.

Doch mit der Zeit spürten wir: Der Name ‚Geschichtsverein‘ wurde uns zu eng. Zudem wollten wir uns öffnen – nicht nur für Senioren, sondern als Brückenbauer für alle Generationen im Stadtteil. So wurde aus dem Geschichtsverein schließlich LützelAktiv

Um die wachsende Arbeit zu stemmen, änderten wir die Satzung und erweiterten den Vorstand von fünf auf acht Personen. Doch viel wichtiger als die Formalien ist das menschliche Miteinander, das dabei gewachsen ist. Wir sind eine echte Gemeinschaft, die im gehobenen Alter eng zusammengewachsen ist. Das Gesicht dieses Vereins sind Menschen wie Klaus, unser unermüdliches ‚Mädchen für alles‘, der sich um alles kümmert. Oder Elke, die uns zuverlässig mit Kuchen versorgt. Da sind Kurt, der uns den Seniorengarten möglich gemacht hat, und Renate, die treu den Telefondienst bedient. Und nicht zuletzt meine Frau Renate, die als Schatzmeisterin unsere Finanzen hütet.

Etabliertes Seniorenrestaurant und zwangloser Past-Treff: Gemeinschaft geht durch den Magen

Bei den Projekten gibt es einiges auf der Vereinswebseite zu entdecken. Vielleicht starten wir einmal mit den Angeboten rund ums Essen. Da sind mir das Seniorenrestaurant und „schwätze.spiele.pasta“ aufgefallen.

Weber: Angefangen hat alles ganz klein: Einmal im Monat haben wir uns montags zum Kochen getroffen, mit vielleicht zehn bis 15 Leuten. Doch dann hatte Wolfgang die entscheidende Idee: Warum das Ganze nicht größer aufziehen? Für all jene, die sich kein Restaurant leisten können oder nicht gerne alleine essen gehen. Zum Glück haben wir in Lützel das Bürgerzentrum mit Platz für bis zu 100 Gäste, bei dem wir uns zu bestimmten Zeitfenstern einmieten können. Aber wie bewirtet man so viele Menschen? 

Wir sind einfach auf die großen Nachbarn zugegangen: IKEA und Globus. Und sie haben ‚Ja‘ gesagt! So entstehen uns kaum Kosten, und wir als Verein können uns voll auf das konzentrieren, was zählt: Wir richten den Raum so her, dass es wie ein ansprechendes Restaurant wirkt. Wir bedienen, wir sind für die Gäste da. Denn wichtig ist: Das Restaurant ist für die Bürger – unsere Mitglieder sind hier die Helfer. Der Erfolg gibt uns recht: Jedes Mal kommen um die 80 Gäste, schwerpunktmäßig aus Lützel, aber auch aus ganz Koblenz. Am 12. November konnten wir so schon unser einjähriges Bestehen feiern.

Unser jüngstes ‚Kind‘ ist erst im Juli gestartet, wächst aber prächtig: ‚schwätze.spiele.pasta‘. Während das Seniorenrestaurant einmal im Monat stattfindet, füllen wir mit diesem Angebot die Lücke an allen anderen Mittwochen. Das Besondere: Hier laden wir ganz bewusst ‚Jung und Alt‘ ein. Es geht herrlich zwanglos zu – der Name ist Programm. Wir treffen uns zum Reden, Lachen und Spielen. Ob beim Darts, bei Brettspielen oder einer Runde Karten: Hier kommen Menschen zusammen. Dazu kochen wir immer ein einfaches, leckeres Gericht, meist Pasta – kostenlos für alle. Schon jetzt hat sich eine feste Truppe von 15 bis 20 Leuten gefunden, die diese wöchentliche Auszeit genießt.“

Und damit die Woche gut ausklingt, findet jeden Freitag von 14:30 bis 17:00 Uhr in Kooperation mit dem Bürgerzentrum ein Stadtteilcafé statt. Einmal im Monat laden vor allem Kita-Eltern zum Austausch bei Kaffee und Kuchen, an den übrigen Freitagen übernehmen wir als Verein die Regie. Da ist der Raum eher mit Seniorinnen und Senioren gefüllt. Egal wer kommt: Die Tür steht offen.

Raumnot: Vom Bürgerzentrum zur Bürgergenossenschaft?

Das Bürgerzentrum scheint für Ihren Verein ein wichtiger Partner bzw. Treffpunkt zu sein, haben Sie in diesem auch einen Raum für den Verein zur Verfügung?

Weber: Das Bürgerzentrum ist für uns ein wichtiger Anlaufpunkt, und wir sind der katholischen Kirchengemeinde dankbar, dass wir das Haus nutzen dürfen. Allerdings ist das Gebäude konzeptionell als Veranstaltungshaus ausgelegt. Das bedeutet: Räume, die die Gemeinde nicht selbst benötigt, werden stundenweise vermietet – was auch von vielen externen Gruppen gerne angenommen wird. Das ist toll für Veranstaltungen, aber für uns als Verein bedeutet es, dass wir dort keinen eigenen, dauerhaften Raum beziehen können, den wir uns so einrichten, wie unsere Senioren es bräuchten. 

Wir als Verein haben lediglich für wenige Stunden in der Woche einen festen Raum sowie einzelne Termine für unsere Gruppen. Deshalb müssen wir manchmal improvisieren und uns privat in Wohnzimmern treffen oder auf Schulräume ausweichen. Letzteres ist jedoch wegen der städtischen Vermietungsstrukturen extrem aufwendig und erfordert wochenlangen Vorlauf. Spontanität ist da nicht möglich.

Aktuell suchen wir nach einem Raum für unsere regelmäßigen Treffen und die Büroarbeit. Schon ein Zimmer für 15 bis 20 Personen wäre ein riesiger Fortschritt. Unsere Vision ist eine echte Begegnungsstätte, die täglich ihre Türen öffnet. Große Hoffnungen setzen wir dabei auf die Stadt und die Neunutzung des ehemaligen StOV-Geländes im Herzen von Lützel. Und manche von uns träumen sogar schon weiter: Warum nur Mieter sein? Unsere Vision ist eine Bürgergenossenschaft. Ein Haus, das von den Menschen hier im Ort selbst geführt und verwaltet wird – von Lützelern für Lützeler.

Arbeitsgruppe Geschichte bringt Schauspiel mit Darstellern von Jung bis Alt auf die Bühne

Welche Projekte haben Sie noch im Angebot?

Weber: Wir haben uns zwar weiterentwickelt, aber unsere Wurzeln haben wir nicht vergessen: Unsere Arbeitsgruppe Geschichte ist nach wie vor sehr aktiv. Ein echtes Highlight war in diesem Jahr das ‚Lützeler Geschichtsfest‘, das wir im November bereits zum zweiten Mal in einer Schule veranstaltet haben. Das übergreifende Thema war spannend: 200 Jahre Migration in unserem Ortsteil. Besonders stolz sind wir auf unser gemeinsames Schauspiel, das Jung und Alt buchstäblich auf die Bühne brachte: Zehn Laiendarsteller im Alter von 23 bis 86 Jahren spielten eine wahre Begebenheit aus dem Jahr 1886 nach. Damals trafen sich 77 Lützeler, um per Petition die Loslösung vom Nachbarort Neuendorf zu fordern – ein Stück rebellische Lokalgeschichte! Abgerundet wurde das Fest durch eine Lesung über einen Hausburschen in einer Lützeler Metzgerei um 1903 – ebenso amüsant wie aufschlussreich.

Seniorengarten: „Hier wächst nicht nur Gemüse, hier wächst vor allem die Gemeinschaft“

Da hatten Sie ja ein volles Programm im November…

Weber: Das stimmt. Hinzu kommt noch unser neues Angebot, das am 1. November gestartet ist: der Seniorengarten ‚Wildwuchs 60plus‘. Wir haben dafür ein Gartengrundstück von der Stadt Koblenz gepachtet. Uns war sofort klar: Wenn wir es ‚Seniorengarten‘ nennen, muss es auch seniorengerecht sein. Deshalb richten wir den Garten komplett barrierefrei her und bauen Hochbeete, damit das Gärtnern auch im Alter bequem und rückenfreundlich möglich ist. Zwar ist der Garten aus versicherungstechnischen Gründen unseren Mitgliedern vorbehalten, aber genau für die soll er ein ‚grünes Wohnzimmer‘ werden – inklusive einer geplanten Boule-Bahn. Doch bei aller Liebe zur Natur: Im Mittelpunkt steht für uns das Miteinander. Wir planen gemeinsam, wir pflanzen gemeinsam, und an festen Tagen trifft sich die Gruppe ‚Wildwuchs 60plus‘, um besondere Aktionen durchzuführen. Hier wächst nicht nur Gemüse, hier wächst vor allem die Gemeinschaft. Und der Garten ist offen für Jung und Alt. 

Guter Draht zum OB und Sendungsbewusstsein auf allen Kanälen

Da Sie gerade die Stadt Koblenz angesprochen haben, wie sind Sie dort vernetzt? Etwa zum Oberbürgermeister oder anderen Personen und Organisationen?

Weber: Wir pflegen ein gutes Verhältnis zum Oberbürgermeister. Er ist für uns ansprechbar, und auch in der Verwaltung stoßen wir meist auf Verständnis. Dennoch haben wir ein strukturelles Manko: Lützel hat weder einen Ortsvorsteher noch einen Ortsbeirat. Uns fehlt also die ‚natürliche‘ Stimme am Tisch der Entscheider. Umso wichtiger ist unsere eigene Initiative: Wir haben uns über die Jahre belastbare Kontakte zu engagierten Politikern verschiedener Fraktionen aufgebaut, die ein offenes Ohr für unseren Stadtteil haben und unsere Anliegen in den Rat tragen.

Wie bewerben Sie die diversen Projekte und die Vereinsarbeit von LützelAktiv?

Weber: Wie erreichen wir die Menschen? Auf allen Kanälen! Klassisch nutzen wir die Rhein-Zeitung für Ankündigungen und Termine – die Resonanz ist riesig, wie zuletzt beim Aufruf für unseren Garten. Unser Herzstück ist aber das ‚Seniorenblättchen Lützel 60plus‘, das alle zwei Monate erscheint. Die 750 Exemplare stecken wir bewusst nicht anonym in Briefkästen, wo sie als Werbung enden würden. Nein, wir verteilen sie von Hand zu Hand auf der Straße oder legen sie gezielt bei Ärzten und in Apotheken aus. Das ist für uns der erste Schritt zum persönlichen Gespräch. 

Gleichzeitig sind wir digital bestens aufgestellt. Ich pflege unsere Webseite, Facebook und Instagram – da kommt mir mein früherer Beruf als Ausbilder für Informatiker natürlich zugute. Und unterschätzen Sie unsere Senioren nicht: Über 90 Prozent unserer Kerngruppe sind per WhatsApp vernetzt! Wir sind sogar so modern, dass wir bereits mehrere Veranstaltungen zum Umgang mit Künstlicher Intelligenz angeboten haben. Wir bleiben also nicht stehen.

Finanzierung über mehrere Säulen

Wie finanzieren Sie sich und ihre Angebote?

Weber: Unser Modell steht auf mehreren Säulen. Die Basis bilden unsere Mitglieder mit einem Beitrag von 20 Euro im Jahr. Aber uns ist wichtig: Wer das Geld nicht aufbringen kann, wird trotzdem Mitglied – gebührenfrei. Bei uns wird niemand ausgegrenzt. Zusätzlich nutzen wir konsequent Fördertöpfe von Stadt, Land und Bund und freuen uns über großzügige Spenden Koblenzer Unternehmen. Unser Prinzip lautet: Alle Angebote sollen möglichst kostenfrei sein, damit die Schwelle zum Mitmachen niedrig bleibt. 

Statt Eintritt zu verlangen, stellen wir eine Spendendose auf. Und die Erfahrung zeigt: Unsere Gäste sind fair. Meist kommt so mehr zusammen, als wir ausgegeben haben. Diese Überschüsse fließen dann direkt in neue Projektideen. Wer uns langfristig den Rücken stärken will, tut das am besten mit einer Mitgliedschaft. Die 20 Euro sind dabei nur der Mindestbeitrag – nach oben ist die Grenze natürlich offen.

Herzensprojekte und Träume werden umgesetzt und angepackt

Welche Ideen oder Projekte sind derzeit noch in Planung?

Weber: Ein Projekt liegt uns derzeit besonders am Herzen: unsere geplante ‚Plauderbank‘ direkt an der Mosel. Die Idee ist so simpel wie schön: Ein Schild mit der Aufschrift ‚Setz Dich und schwätz mit mir!‘ lädt Passanten zum Verweilen und Erzählen ein. Wir als Verein werden diese Bank betreuen und dafür sorgen, dass sie im Bewusstsein der Lützeler als Ort der Begegnung ankommt. Wir freuen uns sehr, dass die offizielle Eröffnung gemeinsam mit unserem Oberbürgermeister schon in den nächsten Wochen stattfinden soll.

Lützel soll wieder feiern: „Ihr ladet ein, wir liefern die Logistik“

Zudem schauen wir schon voller Tatendrang ins nächste Jahr. Unser großer Traum: Lützel soll wieder feiern! Wir möchten, dass in unseren Höfen und Straßen wieder das Lachen der Nachbarn zu hören ist. Doch wir wissen alle: Ein Fest zu organisieren, kostet Kraft und Geld. Woher die Tische nehmen? Wer hat einen Pavillon, falls es regnet? Genau diese Hürden räumen wir weg. Wir schaffen als Verein einen ‚Lützel-Fest-Pool‘ an – mit Bierzeltgarnituren, Zelten und allem Drum und Dran. Unsere Botschaft an die Nachbarn ist simpel: Ihr ladet ein, wir liefern die Logistik. Wir lassen niemanden mit der Organisation allein, sondern leisten ganz praktische Schützenhilfe. Damit man sich nicht nur vom Sehen kennt, sondern beim gemeinsamen Feiern wieder zusammenrückt. Und tatsächlisch scheinen wir damit einen Nerv getroffen zu haben: obwohl wir noch in der Planung stecken, sind die ersten Anfragen schon da!

„Formulare statt Menschen – das kann nicht der Sinn von Ehrenamt sein“ 

Was hat Sie persönlich motiviert, in Lützel aktiv zu werden?

Weber: Warum ich das mache? Nun, wir sind vor sechs Jahren der Familie wegen nach Lützel gezogen. Aber als Pensionär nur auf der Couch sitzen? Das ist nichts für mich. Ich engagiere mich gerne 40 Stunden und mehr in der Woche für den Verein, denn die Arbeit mit Menschen erfüllt mich. Doch ich muss ehrlich sein: Es gibt einen Punkt, der mich zunehmend belastet. Mittlerweile fließen über 80 Prozent meiner Zeit in reine Verwaltungsarbeit. Formulare statt Menschen – das kann nicht der Sinn von Ehrenamt sein. 

Kampf gegen die Einsamkeit motiviert

Mein Antrieb ist der Kampf gegen die Einsamkeit. Auch unser Oberbürgermeister hat die Bedeutung des Themas erkannt, doch in den meisten Kommunen wird die Chance, hierfür echte Grundlagen zu schaffen, noch zu oft verpasst. Wir müssen präventiv handeln und alte Menschen zurück in die Gesellschaft holen, bevor sie krank werden. Das ist menschlich geboten und spart der Kommune am Ende enorme Pflegekosten.

Doch damit wir diese Arbeit leisten können, brauchen wir geeignete Strukturen: Wir brauchen Orte für spontane Begegnungen. Wir brauchen eine echte Unterstützung des Ehrenamts. Und wir brauchen einen verlässlichen finanziellen Rahmen und deutlich weniger Bürokratie in der Kommune!

Stichwort Einsamkeit – da nun die Advents- und Weihnachtszeit vor der Tür steht, haben Sie im Verein besondere Aktionen oder Angebote für diese Zeit geplant?

Weber: Gerade die Zeit „zwischen den Jahren“ ist für einsame Menschen oft die schlimmste Zeit des Jahres. Wir hätten deshalb liebend gerne ein offenes Angebot für die Menschen in Lützel gemacht – gerade an den Feiertagen. Doch hier holt uns die Realität ein: Uns fehlen die Räume. Leider ist das Bürgerzentrum – wie viele andere Einrichtungen in dieser Zeit – in Betriebsferien. Andere Räume stehen uns nicht zur Verfügung. Das ist schade und zeigt, wie dringend wir eine eigene Bleibe brauchen. 

Aber wir geben die Hoffnung nicht auf und halten die Augen offen – vielleicht ergibt sich doch noch eine spontane Lösung für ein Beisammensein.

„Ein Modell wie LützelAktiv ist eine der effizientesten Formen lokaler Prävention“

Abschließend noch eine Frage zur Zukunft. Wie sehen Sie LützelAktiv hier aufgestellt und welche Wünsche oder Ziele verfolgen Sie weiterhin?

Weber: Das Besondere an LützelAktiv ist, dass wir zu 100 Prozent ehrenamtlich und vollständig selbstorganisiert arbeiten. Wir brauchen keine teuren Bedarfsanalysen, weil die Menschen ihre Bedürfnisse direkt ins System einbringen. Ihre lebenslange Erfahrungs- und Berufskompetenz fließt unmittelbar in die Arbeit ein – das macht uns alltagsnah und oft wirksamer als professionelle Angebote, weil alles auf Augenhöhe geschieht. Gleichzeitig spart dieses Modell der Stadt beträchtliche Verwaltungskosten und ist damit eine der effizientesten Formen lokaler Prävention.

Damit dieses System dauerhaft tragfähig bleibt, sind wir allerdings auf eine flankierende Unterstützung angewiesen. Das sind vier Aspekte: Erstens müssen wir strukturell abgesichert sein. Wir benötigen – wie schon erwähnt – verlässliche, kostenfreie Räume, die ohne administrativen Aufwand regelmäßig nutzbar sind. Zweitens müssen wir von Verwaltungstätigkeiten entlastet werden. Eine bezahlte (Teilzeit)-Koordinationskraft wäre wichtig, um die Ehrenamtlichen bei Verwaltung, Abrechnung, Pressearbeit, Genehmigungen, GEMA, Versicherungsfragen oder Datenschutz zu unterstützen. Der dritte Punkt betrifft Wissenstransfer und Kommunikation. Wir sind darauf angewiesen kostenfreie, niedrigschwellige Schulungen zu Themen außerhalb unserer Kernkompetenzen (z. B. Erste Hilfe, Demenz, Kommunikation, Social Media) zu erhalten und brauchen regelmäßige Vernetzungsformate mit anderen Initiativen und Fachkräften. Viertens und schlussendlich müssen wir als kommunaler Sozialpartner auf Augenhöhe von der Politik anerkannt und eingebunden werden – etwa in Stadtteilentwicklung, Sozialplanung oder relevante Ausschüsse.

Denn sowohl der Siebte Altenbericht der Bundesregierung als auch Studien der BAGSO legen nahe, dass Städte verpflichtet sind, Mindeststandards an Beratung und Unterstützung sicherzustellen. Die Angebote müssen dabei nicht selbst vorgehalten werden, sondern können im Zusammenwirken mit privaten Akteuren wie uns erbracht werden.

Herr Weber, vielen Dank für das Gespräch.

Weitere Informationen auf der Vereinswebseite  oder der Darstellung des Vereins im Projektefinder der Landesinitiative.

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