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Projekt des Monats Januar/Februar: Im Ludwigshafener Stadtteil Pfingstweide sorgt ein Verein für das Miteinander

Seit fast 20 Jahren engagieren sich Menschen im „Pfingstweide Miteinander e.V.“ für mehr Bürgernähe in der ehemaligen Trabantenstadt und gegen die Einsamkeit.

Als Trabantenstadt ab den 1960er Jahren errichtet, leben heute mehr als 6000 Menschen in Ludwigshafen Pfingstweide. Um der Nachkriegswohnungsnot zu begegnen, wurden dort unter anderem Hochhäuser gebaut. Seit den 1990er Jahren entstand ein Arbeitskreis und die Pfingstweider Bürger haben zusammen mit den Hochhauseigentümern sowie den Wohnungsbaugesellschaften, Strategien erarbeitet, um den Stadtteil attraktiver zu gestalten und diese zum Teil bereits umgesetzt. Mit dabei war der Joachim Müller, der in einem der Hochhäuser von Pfingstweide lebt. Der ehemalige Betriebsschlosser und Betriebsratsmitglied bei BASF war auch Mitinitiator des 2009 gegründeten Vereins „Pfingstweide Miteinander“, dessen Vorsitzender er noch heute ist. Der 65-Jährige, der seit einem Jahr in Rente ist, engagiert sich schon lange in diversen Funktionen ehrenamtlich, denn er schätzt das Miteinander von Menschen. Im Interview berichtet er über die Vereinsgeschichte und -entwicklung, die wechselnden und die unterschiedlichen Vereinsaufgaben und -angebote.

Joachim Müller

Joachim Müller (Foto: privat)

Keimzelle des Vereins: Umwidmung eines Hochhauses für Betreutes Wohnen

Herr Müller, Pfingstweide ist ein großer, aber recht junger Stadtteil in Ludwigshafen. Und seit mehr als 17 Jahren gibt es nun schon den Verein Pfingstweide miteinander. Wie kam es zur Vereinsgründung?

Müller: Pfingsteide ist ein typischer Stadtteil der 60er- und 70er-Jahre mit einer Mischung von vielen Hoch- und Einfamilienhäusern, aber auch viel Grün dazwischen. Rund 6000 Menschen leben hier – viele in Wohnungen der städtischen Wohnungsbaugesellschaft GAG sowie der BASF-Wohnungsbauunternehmen, ehemals LUWOGE, jetzt BWB GmbH. Diese hat 2008 im Rahmen der Stadtteilerneuerung eines der Hochhäuser umgewidmet, um darin Betreutes Wohnen einzurichten, das Haus Noah. Dafür wurden zwölf Wohnungen in vier Stockwerken umgebaut und in diesem Zusammenhang ein Bewohnertreff im Erdgeschoss mit Küche sowie ein Büro eingerichtet. 

Da ich mich bereits aktiv bei der Neugestaltung des Stadtteils engagiert habe – ich wohne im benachbarten Hochhaus von Haus Noah  – wurde ich beim Umbau des Hochhauses von dem BASF-Wohnungsbauunternehmen gefragt, ob ich mir eine Vereinsgründung für die Nachbarschaft vorstellen kann. Die Formalien der Vereinsgründung hat dann die Wohnungsbaugesellschaft übernommen. Zu Beginn war auch für drei Jahre eine Sozialpädagogin von der LUWOGE bzw. BWB eingestellt worden, um vor Ort Netzwerke aufzubauen. Unser Ziel sollte sein, Bürgernähe herzustellen. 

„Die Bewohner in der Pfingstweide brauchen und wollen das Miteinander“

Ist Ihnen dies gelungen?

Müller: Ja, das ist es. Nach der Vereinsgründung haben wir Schritt für Schritt weitere unterschiedliche Angebote für die Bewohner in der Pfingstweide bieten können. Etwa regelmäßige Angebote wie unsere Cafés, Mittagsessen, Kreatives Gestalten, Spieletreff für Kinder, Gesellschaftsspiele für Erwachsene, Leibücherei. Einmal im Jahr haben wir einen Tagesausflug organisiert oder Werksbesichtigungen, Lesungen, Vorträge und vieles mehr.

Während der Corona-Maßnahmen kam es dann aber zu einem teilweisen bzw. völligen Stillstand der Vereinsarbeit und das Miteinander musste für einige „Corona“-Jahre stillstehen – leider!

Nach der Coronazeit war es dann sehr schwierig wieder beide Füße auf den Boden zu bekommen, überhaupt wieder die fleißigen Helferinnen und Helfer zu aktivieren, um die verschiedenen Angebote den Bewohnern anzubieten zu können. Doch die Bewohner in der Pfingstweide brauchen und wollen das Miteinander.

Jedoch war es nach der Coronazeit schwierig – und ist es jetzt noch immer – Helferinnen und Helfer zu finden, um die Angebote zu bieten, die es vorher gab. 

Welche Bevölkerungsstruktur hat der Stadtteil und gibt es auch soziale Probleme in dem Viertel?

Müller: Das war klar, dass diese Frage kommt. Sie wird mir immer wieder gestellt. Pfingstweide war vielleicht mal ein sozialer Brennpunkt in den 80er-Jahren, aber das hat sich sehr gebessert. Natürlich gibt es hier auch noch punktuell Probleme, wie in jeder anderen Stadt oder in jedem anderen Stadtteil auch, aber das sind nicht so viele und ich würde die jetzt nicht so hoch bewerten. 

Die Bevölkerung hier ist sehr durchmischt. Jung und Alt, Familien und Alleinstehende, Menschen mit und ohne Migrationshintergrund und unterschiedlicher Glaubensrichtungen. Knapp ein Drittel der Pfingstweider sind älter als 60 Jahre und der Ausländeranteil in unserem Stadtteil liegt bei unter einem Viertel. Bei der Stadt Ludwigshafen verhält es sich übrigens genau umgekehrt. Dort ist der Ausländeranteil größer, aber das Durchschnittsalter jünger. 

An wen richten sich die Angebote des Vereins, an alle Pfingstweider und Pfingstweiderinnen oder gezielt an einzelne Bevölkerungsgruppen?

Müller: Prinzipiell stehen unser Verein und unsere Angebote allen Menschen offen. generationsübergreifend für Jung und Alt, Familien, Alleinlebende, ob mit oder ohne Migrationshintergrund. Faktisch ist es aber so, dass der Schwerpunkt unserer Vereinsarbeit momentan mehr auf den Älteren liegt und darunter sind leider auch keine Menschen mit Migrationshintergrund. Das hat wohl verschiedene Gründe:

Für die Jüngeren hatten wir zum Beispiel vor der Corona-Pandemie noch ein Kindercafé. Doch die Kinder sind inzwischen rausgewachsen und die Helferinnen weg. Momentan fehlt uns der Motor, diese junge Generation wieder einzubinden.

Gegenüber den Menschen mit Migrationshintergrund, von denen viele bei uns leben, sind wir sehr offen und wir hatten schon viele Kontakte zu ihnen, doch so richtig hat das Miteinander bisher nicht funktioniert. Ich würde sagen, es ist etwas gehemmt. Das hat vielleicht auch kulturelle Gründe. Ich würde mich aber sehr freuen, wenn ein paar mehr ausländische Mitbürger vorbeikommen würden und dann daraus vielleicht etwas Gemeinsames entsteht. Ich gebe die Hoffnung nicht auf.

„Gemeinschaft fördern und Menschen aus der Einsamkeit holen“

Wie sehen denn Ihre Vereinsangebote aus?

Müller: Das ist sehr unterschiedlich. In unserem Bewohnertreff im Haus Noah gibt es ein wöchentliches Programm an unterschiedlichen Tagen zu unterschiedlichen Zeiten. Wir wollen ja nicht nur Bewohner vom Haus, sondern aus dem ganzen Stadtviertel gewinnen, bei uns vorbeizukommen.

Der Renner bei uns ist ein Frühstücksbuffet, das wir seit September 2025 anbieten mit richtig toller Qualität, ähnlich wie in einem Hotel und das zu einem „Ok-Preis“. Außerdem gibt es Kaffee und Kuchen, zweimal im Monat, dienstags und sonntags von 15 bis 17 Uhr, montagnachmittags ist geöffnet für Gesellschaftsspiele und es trifft sich ein Kreativkreis zum Basteln. Es gibt zudem immer wieder Vorträge zu Gesundheitsthemen wie Sturzprophylaxe. Über Sicherheitsthemen wie z.B. Trickbetrug informiert die Polizei. Dieses Jahr wollen wir mit der Kolpingsfamilie zusammen das „Präventionstheater aus Schifferstadt “ einladen, das über das Theaterstück „(K)Ein Enkel zu viel“ über Trickbetrug am Telefon, der Haustür oder über WhatsApp aufklärt. 

Dann feiern wir zu verschieden Zeiten im Jahr Feste. Im Sommer etwa ein großes Grillfest für mehr als 100 Personen, im Oktober ein Herbstfest.

Wir organisieren aber auch Ausflüge wie einen Weihnachtsmarktbesuch oder Städtetrips. 

Bei allem, was wir anbieten, wollen wir Gemeinschaft fördern und versuchen die Menschen aus der Einsamkeit herauszuholen. Die Vereinsmitgliedschaft ist bei unseren Aktivitäten nicht maßgebend, aber ich freue mich natürlich über jedes neue Mitglied. Ein Verein lebt und stirbt ja durch seine Mitglieder.

Bieten Sie auch klassische Nachbarschaftshilfen an wie Reparaturen oder Einkaufshilfen?

Müller: Wir hatten mal eine Zeit mit sehr rüstigen Rentnern, die in die Häuser kamen, um kleine Hilfeleistungen wie z.B. Bilder aufhängen, umgesetzt haben. Aber das hörte dann auch wieder auf, auch weil es da unter anderem versicherungstechnische Problem gab. So etwas bieten wir zu Zeit nicht mehr an. 

Jede und jeder kann aber unsere bestehenden Angebote nutzen, dabei neue Menschen kennenlernen und so vielleicht der Einsamkeit entfliehen. Wir sind über unsere Homepage sowie in der Pfingstweide-Zeitung und Flyern im Stadtteil präsent und erreichbar. 

Rückgehendes Engagement erschwert das gesellschaftliche Miteinander

Wie viele helfende Hände haben Sie denn derzeit unter den Vereinsmitgliedern? 

Müller: Insgesamt sind wir seit der Vereinsgründung 2009 von 30 auf rund 80 Mitglieder gewachsen. Wir versuchen immer wieder neue Mitglieder zu akquirieren, ich mache dies gerne, indem ich die Leute persönlich anspreche. 2025 haben wir z.B. 16 neue Mitglieder dazugewonnen. 

Unsere Mitglieder sind derzeit von 60 bis 85 Jahre alt, davon ca. 60 Prozent Frauen. Die meisten von ihnen sind allerdings eher passive Vereinsmitglieder. Wir haben derzeit nur rund 15 Aktive, darunter mehr Frauen als Männer. Insgesamt fehlen uns mehr Aktive. 

Ich denke gesellschaftlich ist man heute nicht mehr so bereit, sich ehrenamtlich einzusetzen. Das finde ich sehr schade und gefährdet das gesellschaftliche Leben sowie das gemeinsame Miteinander. Als Grund dafür bekomme des Öfteren gesagt, „ich möchte mich nicht auf feste Verbindlichkeiten einlassen“.

Und wie sieht ihre Vereinsstruktur sowie Ihr Engagement im Verein aus?

Müller: Unser Vorstand besteht derzeit aus sieben Mitgliedern. In diesem Jahr haben wir eine Mitgliederversammlung und es wird zwei Abgänge, aber auch zwei Neuzugänge im Vorstand geben, vielleicht entwickelt sich daraus ja auch wieder etwas Neues.

Als meine vorrangige Aufgabe sehe ich es an, den Verein nach Vereinsrecht leiten und nach innen und außen zu vertreten. Neben der Vorbereitung und Leitung von Vorstandsitzungen und notwendigen Beschlussfassungen achte ich auf die Finanzen und das Einhalten der Gemeinnützigkeit. Mir ist es ein Anliegen, die Ziele unseres Vereins weiterzuentwickeln und ich lege Wert darauf, dass wir politisch und religiös neutral bleiben. Ich motiviere zudem die einzelnen Teams, achte auf die Sicherheit in den Räumlichkeiten und mache Vorschläge für Neuanschaffungen. Vor allen Dingen aber suche ich die Gespräche mit Menschen und bin immer offen für neue Ideen. 

Pfingstweide-Informationen Online und über die Stadtteil-Zeitung

Schaut man auf die Vereinswebseite, entdeckt man ja vielerlei Informationen: Infos für U18 und Ü60 und zu Vereinen, Gewerbe, soziale Einrichtungen, Abfallgebühren etc. Wer gestaltet den Internetauftritt des Vereins?

Müller: Die Webseite ist in der Tat für den gesamten Stadtteil mit möglichst viel praktischen Informationen gedacht. Wir haben sie von einer Privatperson übernommen. Er ist auch Vereinsmitglied und pflegt die Webseite weiter. Da er fit in dem Bereich ist, gibt er immer wieder mal auch Computerkurse sowie Tipps im Umgang mit dem Smartphone für Ältere.

…auch die Pfingstweide-Zeitung, die Sie vorhin schon einmal erwähnt haben, ist mir ins Auge gestochen.

Müller: Ja unsere Stadtteilzeitung machen wir mit einem fünfköpfigen Redaktionsteam in Eigenregie, wobei wir weniger schreiben, sondern die Artikel akquirieren. Nachdem im Laufe des Jahres 2024 die katholischen und evangelischen Gemeinden die Trägerschaft der Pfingstweide-Zeitung nicht mehr weiterführen wollten, wurde ich als Vorsitzender angesprochen, ob unser Verein die Trägerschaft übernehmen kann. Nachdem der gesamte Vorstand die Zustimmung gab, mussten wir in die Vorbereitungen gehen. Dazu brauchten wir professionelle Unterstützung von einem Steuerberater und Anwalt. Nach Zustimmung des Finanzamtes und des Registeramts am Amtsgericht konnten wir in einer Mitgliederversammlung die neue Satzung beschließen. Die Satzungsänderung war recht zeitaufwändig und kostspielig muss ich sagen.

Seitdem produzieren wir neun Ausgaben im Jahr mit verschiedenen Informationen von Vereinen, Pflegediensten, Parteien, katholische Kirche, Kitas, Rätsel für Kinder und Erwachsene sowie Rezepte. Die Zeitung soll politisch und religiös neutral bleiben, es geht uns um die Informationen für die Bürger. Hinzu kommen kostenpflichtige Kleinanzeigen von Geschäften und Privatpersonen.

Die Zeitung verteilen wir kostenlos auf Wunsch direkt in Briefkästen oder als Auslage bei Ärzten, Vereinen, Apotheke und Kita - und ein paar Exemplare verschicken wir auch per Post. Zudem kann man sie auch Online über unsere Webseite lesen.

Netzwerkarbeit und Dankbarkeit fürs Engagement

Sie scheinen ja der Ansprechpartner für viele Menschen im Stadtteil zu sein, wenn es um Engagement geht. Haben Sie auch Ansprechpartner in der Stadt, zu denen Sie einen guten Draht haben? Wie sieht Ihr Unterstützungsnetzwerk aus?

Müller: Parteipolitisch bin ich nicht engagiert und zum Bürgermeister von Ludwigshafen habe ich auch keinen direkten Draht. Dafür aber einen guten Kontakt zum Ortsvorsteher, mit dem ich manchmal im Austausch stehe und der meine Ansprechperson bei vielen Dingen ist. Er schätzt unseren Verein und wir telefonieren immer wieder.

Dann bin ich auch über andere ehrenamtliche Tätigkeiten gut vernetzt. Etwa im Arbeitskreis der Senioren im Bezirk Ludwigshafen der Gewerkschaft IG BCE, im Vorstand des Seniorenrats der Stadt Ludwigshafen und im Vorstand der Landesseniorenvertretung Rheinland-Pfalz.

Und schließlich, was sehr wichtig ist, ist da auch noch meine Frau, die auch im Vereinsvorstand ist und mir bei sehr vielen Dingen hilft und mich unterstützt, dafür danke ich Ihr sehr.

Was motiviert Sie über Ihre lange Vereinstätigkeit?

Müller: Den Umgang mit den Menschen ist mir wichtig. Ich möchte einen Beitrag leisten gegen die Einsamkeit und den Menschen behilflich sein, wie auch immer das aussieht. Auch wenn es manchmal nicht einfach ist, gerade deswegen bin ich von Herzen dankbar für alle fleißigen Helferinnen und Helfer, die sich ehrenamtlich in den einzelnen Teams und im Vorstand engagieren, denn ohne sie kann der Verein nicht leben.

Was würden Sie gerne noch anpacken in der nächsten Zeit?

Müller: Nun prinzipiell bin ich offen für alle neuen Ideen, sowohl für Jung und Alt, aber etwa auch für unsere Stadtteilbewohner mit Migrationshintergrund. 

Ein konkretes Anliegen, das ich habe, ist, dass ich gerne bei unseren organisierten Touren die Jüngeren und Älteren mit gesundheitlichen Einschränkungen einbinden würde. Denn sie können leider oft nicht mitfahren, weil die Busse nicht geeignet oder die Kosten zu hoch sind. 

Vielen Dank Herr Müller für das Gespräch.

Weitere Informationen auf der Vereinswebseite oder im Projektefinder der Landesinitiative.