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Projekt des Monats April: In Bingen hat sich eine stationäre Einrichtung zu einem Nachbarschaftstreff entwickelt

Seit 2011 besteht der „Treff im Stift“ als Zentrum der Generationen und Kulturen im Seniorenzentrum Stift St. Martin. Über die Jahre hat sich daraus ein wichtiger Begegnungsraum für die Nachbarschaft, das Quartier und auch die Stadt entwickelt. Und jetzt – in der Corona-Krise – erfährt auch das Stift selbst nachbarschaftliche Unterstützung.

Im Treff im Stift engagieren sich derzeit etwa 40 bis 50 Personen ehrenamtlich. Sie können dabei aber nicht nur das eigene Büro im Haus nutzen, in dem die Quartiersmanagerin Andrea Nichell-Karsch den Treff und die Ehrenamtlichen organisiert. Denn diese hat zusammen mit Wolfgang Siebner, der sowohl das Projekt „Treff im Stift“ als auch die Einrichtung Stift St. Martin leitet, das ganze Haus zu einem offenen Treff für Bewohnerinnen und Bewohner, Angehörige und die Nachbarschaft gestaltet. In dem Interview geben die 41-jährige Sozialpädagogin und der 56-jährige Betriebswirt und Diakon im Zivilberuf einen Einblick über die Entwicklung des erfolgreichen Projektes. Sie beschreiben aber auch einige gute Beispiele, die zeigen, wie wichtig das nachbarschaftliche Miteinander in der Corona-Krise ist.

Wir erleben mit der Corona-Pandemie außergewöhnliche Zeiten gerade. Wie erleben Sie es in Ihrer Einrichtung? Was sind die gravierendsten Änderungen, Herr Siebner?

Siebner: Aufgrund der Corona-Krise mussten wir den Treff im Stift, der in Bingen für vielfältige Begegnungen zwischen Jung und Alt und den verschiedenen Kulturen sowie ein buntes Veranstaltungsprogramm steht, leider schließen. Alle Veranstaltungen und Treffs von Vereinen und Organisationen, die in den Räumlichkeiten des Stift St. Martin stattfinden und der Binger Öffentlichkeit zur Verfügung stehen, sind abgesagt. Das Ehrenamtliche Engagement, das sonst so vielfältig zu finden ist, ruht oder findet neue Formen.

Welche Formen sind dies zum Beispiel, Frau Nichell-Karsch?

Nichell-Karsch: Auch und gerade in der Krise sind ja Nachbarschaften und das Miteinander sehr wichtig, um die Unterstützung und Versorgung derer zu sichern, die zu den Risikogruppen gehören oder Menschen, die aus anderen Gründen das Haus nicht verlassen dürfen. Wir alle sind aufeinander angewiesen, auf Hilfe und Rücksicht. Daher vermittelt die Binger Ehrenamtsbörse, die seit 2015 in Kooperation mit der Stadt Bingen besteht, etwa Telefonkontakte. Wir möchten die bereits vorhandenen nachbarschaftlichen Hilfen, die in Bingen entstanden sind oder weiterentwickelt wurden, im Rahmen der Ehrenamtsbörse weiter unterstützen, indem wir seriöse Telefonkontakte vermitteln und damit Menschen zusammenzubringen, die telefonisch miteinander Kontakt aufnehmen möchten.

… und wie sieht dies im Stift aus?

Nichell-Karsch: In diesen Tagen, in denen die Bewohnerinnen und Bewohner des Stift St. Martin keinen Besuch bekommen dürfen, haben sich ganz unterschiedliche Menschen aus der Nachbarschaft, aber auch dem Umfeld der Ehrenamtlichen und Veranstalter des Treffs Gedanken gemacht, wie man vor allem zu Ostern eine Freude machen kann: Alle Bewohnerinnen und Bewohner erhielten eine kleine Aufmerksamkeit von Susanne Horn, die sonst im Rahmen der „Geschichten am Kochtopf“ als Autorin mitwirkt und für gute Stimmung sorgt. Die Nachricht „Schön, dass es Sie gibt“ gelang so in Form eines gehäkelten Herzens in alle Zimmer und auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bekamen persönlichen Zuspruch „Danke für Ihren Einsatz“ und süße Stärkung. Mit einem kleinen Brief erfreute die Autorin und ermutigte die Bewohnerschaft diese „Durststrecke“ durchzuhalten und die Maßnahmen mitzutragen, die zu ihrem Schutz getroffen werden.

Zudem organisierte sie, wie auch andere Kooperationspartner (Caritaszentrum und der Internationaler Freundeskreis über die Plattform StayHomeAndSew), in ihren Netzwerken die Versorgung mit selbstgenähten Gesichtsmasken, die dann auch prompt geliefert wurden. Die Einkäufe für die „kleinen Wünsche“ der Bewohnerinnen und Bewohner organisiert derzeit der Einkaufsservice, der über das Caritaszentrum auch ältere Menschen zuhause versorgt.

Für die Verteilung des Osterhasen haben sich die Kinder der Notbetreuung mächtig ins Zeug gelegt und für alle 106 Bewohnerinnen und Bewohner Osterkörbchen gebastelt, bemalt und mit süßen Leckereien gefüllt. Diese werden noch ergänzt durch persönliche Ostergrüße von Menschen, die auf diese Weise ihre Verbundenheit mit dem Stift St. Martin zeigen, auch wenn derzeit keine Besuchskontakte möglich sind.

Siebner: Wir sind froh um die vielen Zeichen und kreativen Formen der Verbundenheit, Nähe und Solidarität, die wir auf so vielfältige Weise erfahren. Diese tragen uns in dieser Zeit und ermutigen uns, trotz allem zuversichtlich auf Ostern zuzugehen.

Auch das Team der Landesinitiative wünscht Ihnen alles Gute, diese Zeit durchzustehen! Herr Siebner, vielleicht noch eine Frage wie es überhaupt dazu kam, dass das Projekt „Der Treff im Stift“ an eine stationäre Einrichtung gekoppelt ist?

Siebner: Der Treff im Stift ist seit 2011 durch räumliche Umbauten im Haus Stift St. Martin integriert worden. Dieser wurde gefördert durch die Stadt Bingen, das Förderprogramm „Nachbarschaftshilfe und Soziale Dienstleistungen“ des Bundes und aus Eigenmitteln der Carl Puricelli’sche Stiftung „Sophienhaus“. Damit konnte die erste Anlaufstelle sowie ein Seniorenbüro für Seniorinnen und Senioren in Bingen entstehen. Im Rahmen des Programmes „Anlaufstelle für Ältere“ konnten zudem Infrastrukturmaßnahmen zum Aufbau bzw. Ausbau der Nachbarschaftshilfe wie Ehrenamtsbörse, Internetcafé oder die Neumöblierung des Quartiersbüros vorgenommen werden.

Mit der Qualifizierung von Frau Nichell-Karsch im Jahr 2011 zur Quartiersmanagerin über das Programm „Sozialraumorientierte Netzwerke in der Altenhilfe“ stand zudem eine kontinuierliche Ansprechpartnerin im dazugehörigen Quartiersbüro zur Verfügung. Und das gute ist, dass ihre Dreiviertelstelle zum Teil durch die Pflegekassen im Rahmen der Leistungs- und Qualitätsmerkmale mit dem Schwerpunkt „Ehrenamtsförderung und Netzwerkarbeit“ und durch den Träger, die Carl Puricelli´sche Stiftung, finanziert wird.

Welche Vorteile sehen Sie darin unter dem Dach einer stationären Einrichtung verortet zu sein und welche Auswirkung hat Ihre Arbeit auf das Stift und seine Bewohnerinnen und Bewohner, Frau Nichell-Karsch?

Nichell-Karsch: Ich habe nicht nur den einen Raum des Treffs sondern mir steht die ganze Einrichtung zur Verfügung, die ich nutzen kann. Dazu gehören auch Logistik, Catering oder Technik. Das Leben im Haus profitiert natürlich auch durch die Öffnung nach außen mit einer großen Angebotspalette, die auch die Bewohnerschaft und ihre Angehörigen nutzen. Es entstehen Kooperationen in das Gemeinwesen und Kontakt in die Nachbarschaft, etwa durch den Mittagstisch, den Kaffeenachtmittag und das Café Smart. Das ganze Haus ist also ein Begegnungsraum und versteht sich als offen und gastfreundlich.

Auch übergeordnete Treffen finden im Haus statt wie etwa eine Bürgerversammlung für die Bedarfserhebung und Ideensammlung im Quartier, ein jährliche Netzwerkkonferenz mit allen Initiativen und Organisationen in Bingen oder die Veranstaltung „Aktiv im Treff“, in der sich die bürgerschaftlich Engagierten regelmäßig einmal im Quartal zum Austausch oder zur Koordinierung der Einzelprojekte treffen und auch geschult und begleitet werden.

Was läuft in Ihrem Projekt besonders gut, auf das Sie stolz sind?

Nichell-Karsch: Mich freut vor allen Dingen die bunte Vielfalt an Menschen, die aktiv sind und sich engagieren, ob in Eigeninitiative oder in Gruppenprojekten. Schön ist auch, dass sich der Treff zunehmend verselbstständigt und von der Öffentlichkeit und dem Gemeinwese angenommen wird.

Was sind in Ihren Augen gelungene Initiativen, die im Rahmen des Projektes entstanden sind?

Nichell-Karsch: Dazu gehören etwa unsere „Geschichten am Kochtopf“, wobei Lesungen verschiedener Autoren und gemeinsames Kochen verknüpft werden. Das Repaircafé sorgt als Begegnungswerkstatt für Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung. Einmal wöchentlich findet die Sprechstunde „PC und Smartphone“ statt sowie Themenabende mit den Digitalbotschaftern RLP.

Eine schöne Erfolgsgeschichte ist auch der Nachbarschaftstag bzw. das Nachbarschaftswochenende, das wir für ganz Bingen eingeführt haben und wo Angebote koordiniert und eine gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit vorangetrieben werden.

Haben Sie besondere Pläne bzw. Ziele für die Zukunft?

Nichell-Karsch: Wir möchten noch stärker die Begegnung der Generationen fördern und in dem Rahmen auch die Kooperationen mit Kitas, Schulen, Musikschule, Jugendkunstschule sowie der Jugendarbeit und -pflege ausbauen. Auch der Nachbarschaftstag und Nachbarschaftswochenende sollen weiterentwickelt werden. Wir möchten hier Nachbarschaftslotsen schulen und die Ansprechpartner in der Nachbarschaft sowie Begegnungen weiter fördern.

Vielen Dank für das Interview Frau Nichell-Karsch und Herr Siebner.

 

Weitere Informationen:

www.treff-im-stift.de

Projektdarstellung auf der Webseite der Landesinitiative mit Kontaktdaten

www.ehrenamtsboerse.de