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Projekt des Monats Mai: In Wöllstein ist Zeit kostbarer als Geld

Zeit geben und Zeit nehmen ist die Devise der „ZEITBANK Wöllstein und Umgebung“. Der Verein verwaltet seit 2014 die Zeitkonten seiner Mitglieder. Für diese bietet der Verein nicht nur Möglichkeiten zu neuen Kontakten, sondern hält auch eine breite Palette von Angeboten bereit, die Sicherheit vermitteln.

Die rheinhessische Gemeinde Wöllstein hat rund 4500 Einwohner*innen. Neben drei ortsansässigen Banken gibt es dort zudem die „ZEITBANK Wöllstein“. Auch sie erstreckt ihre Aktivitäten auf die Orte der gleichnamigen Verbandsgemeinde im Landkreis Alzey-Worms, in der knapp 12.000 Menschen leben. Aber hier wird nicht mit Geld, sondern mit der weichen Währung „Zeit“ gehandelt, die jedoch ungleich kostbarer ist, wie es das folgende Interview mit den beiden Gründungsmitgliedern des Vereins, Eleonore Kämmerer (68) und Roland Straub (72), zeigt. Die 1. Vereinsvorsitzende, ehemals Buchhalterin, und der Schriftführer des Vereins, der als Kriminalbeamter gearbeitet hat, berichten vom Aufbau ihres Projektes und den Chancen, die der Zeitbank-Verein für die Mitglieder und die Gemeinden bieten kann.

Roland Straub und Eleonore KämmererRoland Straub & Eleonore Kämmerer                                (Foto: Zeitbank Wöllstein)

Freundschaften schließen und das Gesellschaftsleben mitgestalten

Sich gegenseitig helfen ist sinnvoll, macht glücklich und schafft neue Freunde, ist unter anderem auf dem Zeitbank-Flyer zu lesen. Welche der von Ihnen beschriebenen Effekte sind diejenigen, die für Sie persönlich im Vordergrund stehen, Frau Kämmerer und Herr Straub?

Kämmerer: Ich persönlich freue mich darüber, neue Menschen kennenzulernen und daraus neue Freundschaften zu schließen. Außerdem kann ich durch mein Engagement bei der Zeitbank meine beruflichen Kompetenzen in der Verwaltungsarbeit weiterhin sinnvoll nutzen.

Straub: Als ich von der Stadt aufs Land gezogen bin, war es für mich eine große Freude, dass ich mich in meiner neuen Heimat wirkungsvoll einbringen konnte, das Gesellschaftsleben mitzugestalten.

Zeit geben, Zeit nehmen anstatt Geld verdienen oder bezahlen ist das Prinzip der Zeitbank. Was war der Anlass für die Gründung der Zeitbank? Und wie schnell und wodurch haben sich erste Erfolge eingestellt?

Kämmerer: Ausgangspunkt war die „Dorfmoderation“ 2013: Die Umfrageergebnisse machten mir klar, dass es notwendig ist, einen „Nachbarschaftsverein“ zu gründen, ohne noch genau zu wissen, worauf der Fokus liegen sollte. Auf dem Weg zur Realisierung lernte ich dann zufällig das Projekt „Zeitbank“ kennen. Mehrere Personen aus unserem Umfeld waren auch begeistert von dem Prinzip und der Verein „ZEITBANK Wöllstein und Umgebung e.V.“ wurde 2014 gegründet. Durch Mund-zu-Mund-Propaganda verzeichneten wir einen raschen Zuwachs.

Mit jedem Mitglied kommen neue Angebote dazu

Welche Zeitbank-Angebote sind besonders häufig gesucht? Und hat sich im Lauf der Zeit die Angebotsstruktur auch verändert? Was sind die Tops? Gab es auch Flops?

Straub: Von Anfang an hat sich bei der Angebotsstruktur das Phänomen gezeigt, dass mit fast jedem neuen Mitglied auch neue Angebote hinzugekommen sind. Heute verzeichnen wir eine riesige Angebotspalette, die fast sämtliche Belange des täglichen Lebens umfasst.

Die seit Jahren am meisten in Anspruch genommen Leistungen sind Fahrdienste jeder Art, IT-Arbeiten, Wohnungsbetreuung sowie Kuchen und Torten backen für anstehende Feiern. Weitere Angebotshighlights sind die Gartenarbeiten und aber auch das Reinigen von Auto-Innenräumen.

Wir haben zudem auch eine Vielzahl von Angeboten, die aktuell nicht angefordert werden. Gleichwohl würden wir diese nicht als „Flops“ bezeichnen, im Gegenteil: Wir sind stolz auf diese umfangreiche Angebotspalette.

Herausforderung Corona: AHA-Regeln erschweren die Arbeit

Wie hat sich die Corona-Krise auf die Zeitbank und ihre Angebote und die Vereinsmitglieder ausgewirkt? Welche Erfahrungen haben Sie hier gemacht und welche Änderungen womöglich angestoßen?

Kämmerer: Natürlich haben auch wir die Auswirkung der Corona-Krise zu spüren bekommen: Allein auf dem Sektor der in Anspruch genommenen Stunden gab im Jahre 2020 nur noch 100 gegenüber 160 Stunden im Vorjahr.

Die Kontakte untereinander konnten wir zwar über eine Signal-Gruppe aufrechterhalten, aber sie können die monatlichen „Kennenlern-Treffen“ nur teilweise ersetzen. Auch die AHA-Regeln stellen ein nicht zu unterschätzendes Hindernis dar, weil fast alle Leistungen persönliche Kontakte voraussetzen. Nachdem wir bereits eine virtuelle Vorstandssitzung durchgeführt haben, wollen wir nun ein Zoom-Meeting mit unseren Mitgliedern ausprobieren.

Wie viele Mitglieder hat Ihr Verein und wie sind diese zusammengesetzt?

Straub: Aktuell beträgt unser Mitgliederstand 67 Personen. Davon ein Drittel Männer und zwei Drittel Frauen. Das Durchschnittsalter liegt bei 63 und die Altersspanne zwischen 40 und 90 Jahren. Unter den Mitgliedern gibt es auch einen relativ großen Anteil von „Passiven“. Sie haben ihre Mitgliedschaft primär unter dem Aspekt der Zukunftssicherung abgeschlossen.

… und wie sieht es mit der Neugewinnung von Vereinsmitgliedern aus? Stellt dies ein Problem dar bzw. was unternehmen Sie diesbezüglich?

Straub: Die Gewinnung neuer Mitglieder basiert auf den zwei Varianten der Mund-zu-Mund-Propaganda und unserer monatlichen Mitgliedertreffen. Daneben können wir auch im Amtsblatt der Verbandsgemeinde Wöllstein kostenlos werben. Zudem nutzen wir die Möglichkeit von Presseveröffentlichungen bis hin zu Fernsehbeiträgen. Derzeit befasst sich der Vorstand mit der Idee, den Radius unseres Wirkungskreises um einige Gemeinden im näheren Umland zu erweitern.

Stunden-Spenden für stärker Hilfebedürftige

In Ihrem Verein befinden sich ja überwiegend ältere Vereinsmitglieder. Welche Auswirkungen hat das Altern im Verein, sind beispielsweise auch Themen wie Demenz bereits ein Thema?

Kämmerer: Hinsichtlich der „gehobenen“ Altersstruktur unserer Mitglieder mussten wir uns u.a. mit der Thematik auseinandersetzen, dass einerseits Hilfe angefordert wurde und andererseits keine Leistungen mehr erbracht werden konnten. Für diese Fälle haben wir ein Sozialkonto aus gespendeten Stunden errichtet, aus dem wir diese Mitglieder unterstützen können. Das heißt, wer viele Stunden geleistet hat, kann diese auch an andere spenden, die dazu nicht mehr in der Lage sind.

Straub: Mein dreifach gegliedertes Engagement umfasst neben dem Ehrenamt des „Sicherheitsberaters für Senioren“ und des „DigitalBotschafters“ auch die Mitgliedschaft im „Forum Demenz“ des Kreises Alzey-Worms. In diesem Forum sehe ich vor allem konkrete Ansätze für effektive Hilfe in allen Fragen zum zukünftig immer wichtiger werdenden Demenz-Thema. Hier können wir frühzeitig die Weichen zusammen mit Angehörigen stellen, wenn wir demenzielle Veränderungen bei Vereinsmitgliedern beobachten.

Zeitbank-Spende: Die Bank vor der Bank

Gibt es ein, zwei besonders schöne Erlebnisse im Rahmen Ihres Engagements bei der Zeitbank, an die Sie sich gerne erinnern?

Kämmerer: Zu den Höhepunkten unseres Vereinslebens haben bislang der jährliche Ausflug sowie das Grillfest gezählt. Durch den Corona-bedingten Ausfall in diesem und vorigem Jahr hat der Vorstand den Entschluss gefasst, die nicht ausgegebenen Gelder für eine besondere Spende zu verwenden. So kam es dazu, dass der Zeitbank-Verein der Gemeinde eine Bank gespendet hat, die auch noch vor der Mainzer Volksbank in Wöllstein platziert wurde.

Lückenschluss bei den Vereinsangeboten vor Ort

Wie wird Ihre Vereinstätigkeit von der Gemeinde wahrgenommen?

Straub: Sehr gut! Im Rahmen unserer Bank-Spende hat etwa der Bürgermeister nochmals betont, wie wichtig er unsere Arbeit hält und dass mit dem Zeitbank-Verein eine Lücke in den Vereinsangeboten vor Ort geschlossen wurde. Erstmals haben wir auch selbst eine Spende von der Gemeinde erhalten. Auch bei Gemeindefesten werden wir etwa angefragt mitzumachen bzw. uns zu präsentieren.

Welche Ziele haben Sie sich für die Zukunft gesteckt?

Kämmerer: Beim Blick in die Zukunft konzentrieren sich unsere Gedanken in erster Linie darauf, dass diese Gesellschaft auch weiterhin Menschen hervorbringt, die sich in solchen Vereinen wie unserem engagieren. Wir wünschen uns weiterhin, dass alle gesund durch diese Pandemie kommen und freuen uns schon jetzt auf unser erstes Präsenz-Treffen!

Vielen Dank für das Gespräch Frau Kämmerer und Herr Straub!

Weitere Informationen finden Sie auf der Webseite des Vereins sowie der Darstellung des Projektes auf der Webseite der Landesinitiative