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Projekt des Monats Juni/Juli: Für die Bewohnergemeinschaft des Wohnprojektes im Zeppelinhof 2 bringt teilen Gewinn

Der Verein „Gemeinschaftlich Wohnen Neuwied e.V.“ hat für einige den Traum, gemeinschaftlich und bezahlbar zu wohnen, wahr werden lassen. Mit Unterstützung eines Investors leben heute 17 Menschen unter einem Dach und pflegen enge nachbarschaftliche Beziehungen nach innen und außen.

Um ein Wohnprojekt wie das im Zeppelinhof 2 umzusetzen, braucht es mitunter einen langen Atem. Dass es sich lohnt auch über Durststrecken hinweg am Ball zu bleiben, zeigt unser folgendes Interview. Darin berichten die Ideengeberin und Vereinsmitbegründerin Hildegard Luttenberger (69) und Maria Wagner (70), die ein Jahr nach der Vereinsgründung dazugestoßen ist, wie ein solch etwas anderes Wohnprojekt wächst, wie es funktioniert und wie es das Leben der Bewohnergemeinschaft verändert. Die Vereinsvorsitzende Luttenberger ist unter anderem auch für die Öffentlichkeitsarbeit des gewoNR e.V. verantwortlich, während sich die stellvertretende Vorsitzende Wagner vor allem für die Vernetzung im Quartier einsetzt.

Hildegard Luttenberger und Maria WagnerHildegard Luttenberger (l.) und Maria Wagner

Bereits im letzten Jahr hatten Sie uns ja schon eine schöne Fotostrecke gemailt, um zu berichten, was Ihr Verein am Tag der Nachbarn unter den erschwerten Coronabedingungen auf die Beine gestellt hatte. Welche Aktionen haben Sie dieses Jahr unternommen, Frau Luttenberger und Frau Wagner?

Wagner: Schon bei der ersten virtuellen Vorbesprechung im Vorstand konnten wir sicher sein, dass es auch in diesem Jahr kein Fest geben wird, so wie in 2019. Aber wir wollten ein „coronakonformes“ Zeichen setzten! So entstand die Idee mit den Lesezeichen – auch weil wir in der Herstellung die Chance sahen, etwas gemeinsam in Zweier-Gruppen auf die Beine stellen zu können. Auf jedes Lesezeichen waren ein klitzekleiner Gruß und viele gute Wünsche gedruckt und diese wurden dann in die Briefkästen rund um den Zeppelinhof 2 gesteckt.

Erstmals – und hoffentlich im letzten Lockdown – erlebten wir so wieder etwas Besonderes in unserer Gemeinschaftswohnung. Unser großes Wohnzimmer war bis dahin schon über Monate verwaist. Man traf mal zufällig jemanden beim Tageszeitung lesen, oder schaute bewusst rein, da ein Zettel an der Tür einlud, z. B. ein Stück Kuchen abzuholen. Dies waren Momente die, wie etwa auch die Begegnungen im Treppenhaus oder spontanen Verabredungen im kleinsten Kreis, in diesen besonderen Zeiten besonders wichtig wurden.

Seit 2019 wohnen 17 Menschen „anders“ und denken Wohnen immer wieder neu

Sie teilen sich also eine Gemeinschaftswohnung. Ist es unter anderem das, was sich hinter den Schlagworten „Anders wohnen“ oder „Wohnen neu denken“, die auf Ihrer Webseite zu finden sind, verbirgt?

Luttenberger: Ja, dass wir als Verein eine Gemeinschaftswohnung in unserem Haus gemietet haben, welche die Bewohnergemeinschaft anteilig finanziert ist sicher völlig anders als bei einer klassischen Mietwohnung. Für viele neu war z.B., dass gemeinschaftlich wohnen aber auch bedeuten kann: „Teilen bringt Gewinn“. Dies sind Inhalte, die wir schon gemeinsam vor unserem Einzug mit einer Mediatorin herausgearbeitet haben. Hierfür gab es übrigens auch eine Anschubförderung des Landes.

… und der Einzug war wann?
Luttenberger: Seit Februar 2019 wohnen wir gewoNR’ler und gewoNR‘lerinnen im von uns angestrebten Mieterwohnprojekt – die meisten unter einem Dach. Die Gemeindliche Siedlungsgesellschaft (GSGmbH) errichtete sieben baugleiche Häuser und ermöglichte uns 2017, über einen Kooperationsvertrag in das Haus 2 im Zeppelinhof einzuziehen. So hatten wir von Anfang an eine vertraute Nachbarschaft miteinander und waren als Bewohnergemeinschaft auch neugierig auf die Neuen um uns herum.

Welche Menschen wohnen in Ihrem Wohnprojekt zusammen und wie engagieren Sie sich? Wohnen unterschiedliche Generationen unter einem Dach?

Luttenberger: Wir sind 17 Menschen, davon drei Ehemänner. Unsere Altersstruktur ist eher 60plus – Tendenz zu über 70. Drei von uns haben schon ihre 80. Geburtstage hier gefeiert. Wir sind alle ohne Unterstützungsbedarf eingezogen. Und ich möchte betonten: Wir mussten nicht umziehen – wir wollten so leben!

Wagner: Innerhalb unserer Bewohnergemeinschaft bringen sich Einzelne ganz unterschiedlich ein, indem sie z.B. die Tageszeitung weitergeben, die Fußpflege oder den Fensterputzer organisieren oder aber sich um unseren gemeinsamen Trockner und Vorgarten kümmern. Aktuell können wir auch wieder auf Angebote zum Mittagessen hoffen bzw. Einladungen zu Frühstück und Kaffeeklatsch. Dann finden auch gemeinsame Aktivtäten wie Kartenspiel, Sternefalten oder Herzennähen statt – Letzteres wirkt auch nach außen, wie Sie auf unserer Homepage nachlesen können.

Luttenberger: Da wir niemanden von unserer Art des Miteinanderwohnens ausschließen wollten, setzt sich unser Verein seit 2011 für die Notwendigkeit sozialer Wohnraumförderung ein. Um uns nicht zu überfordern bzw. realistisch zu sein, entstand daraus unsere 50plus-Variante. Vielleicht betrachten Sie das jetzt eher nicht als generationenverbindend, allerdings brauchten wir dadurch bei der Investorensuche „nur“ ein Haus mit Wohnungen für Paare und Einzelpersonen. Dennoch: Wir sind auch für U50 und Jüngere offen! Denn nun gilt es, auch für freiwerdende Wohnungen, die wir nachbelegen dürfen, jüngere Interessenten als die jetzigen Bewohnerinnen und Bewohner zu gewinnen. Die Premiere ist uns übrigens gelungen!

„Was einer alleine nicht schafft, schaffen viele“

Wie leicht oder schwer war es, Ihr Projekt von der ersten Idee bis zum Einzug umzusetzen? Und wer waren Ihre wichtigsten Stützen in dieser Zeit?

Luttenberger: Wir leben ja in einer Region, die durch Friedrich Wilhelm Raiffeisen geprägt wurde. Sein „Was einer alleine nicht schafft, schaffen viele“ passt sehr gut zu unserer Projektidee. Noch wichtiger allerdings erscheint mir die Erkenntnis, ganz persönlich zu wissen, wie ich leben will – möglichst bis zuletzt. Es gilt zeitig hinzuschauen, auch auf das, was ich für mich nicht möchte. Und dann gilt es, diese Auseinandersetzung abzuschließen – eventuell, um sich auf den Weg zu machen. So war es bei mir 2007. Um diese Zeit vor zehn Jahren gingen wir auf die Vereinsgründung zu. Mein Durchhalten gelang dann mit den Gleichgesinnten – die waren meine Stützen. Unsere Wochenenden unter einem Dach oder die Treffen unter uns ließen mich dranbleiben. Es war schwer, lange den Eindruck zu haben, wir werden nicht wahr- bzw. ernstgenommen. Diese Situation änderte sich – für uns damals überraschend – erst 2015, als uns das kommunale Wohnungsunternehmen, die GSG, eine Absichtserklärung übergab. So konnten wir entspannter auf unser Ziel zugehen – mit anderen Herausforderungen!

Wie würden Sie Ihren Verein und seine Tätigkeiten in wenigen Sätzen beschreiben?
Luttenberger: 30 gewoNR´ler, davon 17 als Mitglieder der Bewohnergemeinschaft, möchten Neues Wohnen befördern und einige auch ein „Mehr an Miteinander“ leben. Beides benötigt Aktivität und Engagement – nach außen und innerhalb des Wohnprojektes.

„Neues Wohnen“ in einer vertrauten Nachbarschaft – auch mit Wohnberechtigungsschein

Was finden Sie, ist Ihrem Verein bzw. der Bewohnergemeinschaft besonders gut gelungen?

Luttenberger: Bezogen auf den Verein ist dies für mich zu allererst, dass es uns gelang, ein Mieterwohnprojekt zu realisieren, in dem auch Menschen mit Wohnberechtigungsschein leben können!

Wagner: Als Bewohnergemeinschaft hatten wir vor allem großes Glück! Denn im Februar 2019 konnten wir ja noch ohne Kontakteinschränkungen unsere Vision von gemeinschaftlichen Wohnen gestalten. In der Zeit dazwischen konnten wir die Vorteile unserer vertrauten Nachbarschaft nutzen – manchmal vielleicht nicht bewusst genug. Ich selbst finde es noch immer nicht selbstverständlich, unseren gemeinsam gekauften Trockner auf dem Speicher zu nutzen, der Beweis von „Teilen bringt Gewinn“!

Und wo sehen Sie noch Herausforderungen, die sie angehen möchten?

Luttenberger: Die Herausforderung der kommenden Monate wird sein, wieder in regelmäßigen guten gemeinsamen Austausch miteinander zu kommen. Wir nennen diese Termine Bewohnergemeinschaftstreffen. Bisher waren nur zwei im Jahr verpflichtend. Und na klar: die Mitgliederversammlung, die 2020 ja nicht in Präsenz stattfinden konnte.

Einzug in einen „lang gehegten Traum“

Was sind die schönsten Momente Ihrer Arbeit und Ihres Zusammenlebens, an die Sie sich immer wieder gerne erinnern?

Luttenberger: Bei mir war es die Grundsteinlegung, die wir entscheidend mitgestalten durften, und der Besuch des SWR-Teams zu unserem Einzug. Gut fühle ich mich, wenn ich immer wieder mal zu schönen Dingen für unseren Gemeinschaftsbereich beitragen kann.

Wagner: Mein besonderer Moment war – nach der langen Durststrecke – die Unterzeichnung des Kooperationsvertrages. Damit war die Voraussetzung für unsere gemeinschaftliches Wohnprojekt in „trockenen Tüchern“. Der Tag des Einzugs in meine Wohnung empfand ich ebenfalls als sehr besonders. Endlich war ich dort angekommen, wovon ich schon lange träumte.

Gerne erinnere ich mich auch an die Treffen mit der Bewohnergemeinschaft von Frühstück bis Grillen, mit dem Wunsch all diese Aktivitäten nach Corona wieder zu aktivieren.

Für die Zukunft wünsche ich mir wieder mehr gemeinsame Zeit. Zeit für Basteln, Kochen, Backen, Spielen und Nachbarn treffen. Vielleicht ist es möglich, dass die „gemeinsam gärtnern“-Gemeinschaft im Herbst zu einem Erntedankfest einladen kann.

An-der-Seite-sein und -bleiben bis zuletzt

Haben Sie in Ihrem Projekt schon Erfahrungen gemacht, bei denen Mitbewohner und Mitbewohnerinnen nicht nur Unterstützungsbedarf sondern Pflege benötigen? Inwieweit beeinflusst die Art Ihres Zusammenlebens diese Entwicklungen bzw. kann sie beeinflussen?

Wagner: Bisher wurden nur kleine Unterstützungsdienste in Anspruch genommen. Aber selbst dabei müssen wir noch üben, um Hilfe zu fragen. Dies nochmals zu thematisieren – nun wo wir bald wieder unsere Bewohnergemeinschaftstreffen haben werden – ist eine Herausforderung. Allerdings: Mit dem Thema „gemeinschaftlich wohnen und leben – möglichst bis zuletzt“ befassten wir uns vor dem letzten Lockdown schon einmal. Uns freute, dass dies vom jüngsten Mitglied angestoßen wurde – und ich bin sicher, das greifen wir wieder auf!

Luttenberger: Auch mich freute dies sehr, denn die Beschäftigung mit dem Thema muss – aus meiner Sicht – vor dem Ernstfall stattfinden. Grundsätzlich geklärt hatten wir aber schon vor dem Einzug, dass wir uns hier keine Pflege zusagen. In die barrierefreien Wohnungen können Pflegedienste kommen oder eventuell auch gemeinsam bestellt werden. Die Bewohnergemeinschaft sichert „lediglich“ das An-der-Seite-sein und -bleiben – gespeist aus der gemeinsamen Lebenszeit im Wohnprojekt.

„Sich bewegen, bewegt etwas“

Was sind Ihre Ziele, die Sie sich für die Zukunft gesteckt haben?

Luttenberger: Als gewoNR-Vorsitzende ist es mir besonders wichtig, dass uns gelingt, was wir im Kooperationsvertrag zugesagt bekamen: z.B. passende Mieter und Mieterinnen für unser Wohnprojekt zu kennen, die einziehen würden, wenn jemand aus Haus 2 verstirbt. Dies hat zur Folge, dass wir kontinuierlich und auch kreativ in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden müssen. Des Weiteren erhoffe ich mir durch mein Engagement im Seniorenbeirat, die Zusammenarbeit in der LAG GeWo RLP e.V. und durch solche Beiträge wie diesen hier, die Idee des vielfältigen Neuen Wohnens grundsätzlich weiter ins Bewusstsein der Menschen zu bringen und noch mehr Menschen zu finden, die dies unterstützen. Ich hoffe sehr, dass wir ein Beispiel sind, das andere ermutigt nach dem Motto „sich bewegen, bewegt etwas“! Manchmal kommt man damit ans Ziel! In unserem Fall ins Mieterwohnprojekt – auch für Menschen mit Wohnberechtigungsschein!

Vielen Dank für das Gespräch Frau Luttenberger und Frau Wagner.

Weitere Informationen auf der Vereinswebseite und der Projektdarstellung auf der Webseite der Landesinitiative.